nathan der Weise

Schauspiel bzw. Musical – Themen der NMS 2016/17

 

Kann ein dramatisches Gedicht, so bezeichnete Gotthold Ephraim Lessing sein Werk „Nathan der Weise“, das im Jahre 1779 erstmalig erschien, die Jugend von heute beeindrucken? Ist diese uralte Weltliteratur auch 2017 aktuell? Erreicht dieses Werk unsere Teenager überhaupt noch?

Im Zuge des Deutschunterrichtes wurde der Text in Originalsprache mit verteilten Rollen gelesen und das artikulierende Sprechen geübt.

Am 8. 2. 2017 waren Schauspieler des Forum Theaters Wien an der Schule zu Gast und die SchülerInnen der 3. und 4. Klassen erlebten das Stück live.

Der Inhalt: Nathan der Weise

Als der reiche Jude Nathan von einer Handelsreise heimkehrt, hört er, dass seine Tochter Recha, die er statt seiner sieben von Christen getöteten Söhne angenommen hat, bei einer häuslichen Feuersbrunst von einem jungen Tempelherrn aus den Flammen gerettet wurde. Der glückliche Nathan will dem deutschen Tempelherrn, einem Gefangenen des Sultans, seinen Dank erweisen und lädt ihn zu sich ins Haus. Doch der lehnt ab, weil der Alte ein Jude ist. Aber Nathan bringt dem jungen Mann so viel Verständnis und Warmherzigkeit entgegen, dass der Tempelherr sich schließlich mit Freuden bereit erklärt, Recha zu besuchen. Inzwischen wird Nathan zum Sultan gerufen, der sich in Geldverlegenheit befindet. Ehe Sultan Saladin sein Anliegen vorbringt, fragt er den weisen Nathan, welche Religion die beste sei, die des Muselmannes, des Juden oder des Christen. Darauf erzählt Nathan die berühmte Ringparabel. Er berichtet von drei Ringen, die einander so gleichen, dass man sie nicht zu unterscheiden vermöge. So sei auch der eine Glaube ebenso viel wert wie der andere. Der tief berührte Sultan schließt mit dem Juden Freundschaft, der ihm nun von sich aus Geld anbietet. Unterdessen hat der Tempelherr seine Liebe zu Recha entdeckt und bittet Nathan um ihre Hand. Der Alte zögert, weil er an dem Tempelherrn eine Ähnlichkeit mit Rechas wahrem Vater entdeckt hat. Als der Tempelherr von der Amme erfährt, dass Recha eine Christin ist, verklagt er den Juden beim Patriarchen. Der schickt einen Klosterbruder, um das „Problema“ zu ergründen. Schließlich holt der Mönch ein Gebetbuch hervor, das arabische Aufzeichnungen über Rechas Abstammung enthält. Nathan entziffert den Text, aus dem hervorgeht, dass Recha und der Tempelherr Geschwister sind. Ihr gemeinsamer Vater war kein anderer als des Sultans Bruder Assad, der einst nach Deutschland verschlagen wurde. Somit ist Saladin ihr wahrer Oheim. Die Angehörigen dreier Religionen finden sich zu einem glücklichen Bunde. (Quelle: Unterrichtsmaterial zur Aufführung des Forum Theaters)

Text A

Lessings Werk beginnt mit dem ersten Aufzug, dem ersten Auftritt, der Szene, dass ein Tempelherr (christlicher Kreuzritter) Recha (jüdisches Mädchen) aus einem brennenden Haus gerettet hat.

Ein Schüler stellte sich die Frage, wie es überhaupt zu dem Brand gekommen war und schrieb eine Vorgeschichte. Er orientierte sich dabei am Aufbau der Textvorlage.

Allererster Aufzug

(Szene: Daja (Rechas Amme) in der Küche und nach Recha rufend)

Daja: Recha, könntest du dich endlich in die Küche bewegen? Dein Vater will, dass ich dir das Kochen lerne. Fast Food macht dich nämlich nur dick und dann bekommst du keinen Mann.

Recha: Daja, chill down! Mit nur einem Klick macht „Lieferheld“ unseren Lunch möglich.

Daja: Recha!

Recha: (unschuldig) Ja, Daja?

Daja: Recha, jetzt komm endlich!

Recha: Ja, Daja, gleich.

Daja: Recha, ich werde deinem Vater von deinem Ungehorsam berichten müssen.

(Recha begibt sich äußerst unmotiviert in die Küche)

Daja: Schau mein Kind, so wird es gemacht.

(Daja schwingt den Schnitzelklopfer, Recha spielt mit dem Handy)

Daja: Recha, leg sofort das Handy weg, die restlichen Schnitzel panierst nämlich du.

(Missmutig folgt das Mädchen den Anweisungen)

Recha: Klopf, klopf! … Klopf, klopf, klopf! … Klopf, klopf! … Klopf, klopf, klopf! … Daja, hörst du den Beat? Fühlst du ihn?

Daja: Recha, salzen, Mehl, Eier, Brösel… Mein Kind, das Fleisch benötigt noch eine Panade.

(Das Mädchen tut, was ihm geheißen wurde. Daja lässt das erste Schnitzel sanft in das bereits erhitzte Fett gleiten. Fasziniert schaut Recha in die sprudelnde Pfanne.)

(Plötzlich eine rufende Stimme von draußen)

Klosterbruder: Daja, Darling! Bist du zuhause? Komm zu mir! Dein Klosterbruder wartet vor der Tür.

(Daja zögert keine Sekunde, will die Küche verlassen)

Daja: Recha, backe auch die restlichen Schnitzel. Wir wollen in einer halben Stunde essen.

(Daja geht ab)

Recha: (vor sich hin murmelnd) Was heißt da eine halbe Stunde? Ich bin damit in fünf Minuten fertig.

(Recha packt die Fleischstücke und wirft sie alle gemeinsam in die Pfanne. Das Fett spritzt auf und setzt den Vorhang in Brand. Panisch holt das Mädchen den Feuerlöscher und versucht ihn zu betätigen, was aber misslingt. Mittlerweile steht die Küche in Flammen und Recha sinkt mit einer Rauchgasvergiftung bewusstlos zu Boden. Gott sei Dank tritt nun der Tempelherr auf und rettet das Mädchen aus dem Feuer.)

(Anmerkung des Autors: Würde G. E. Lessing die Sprache von heute verstehen?)

Text B

Eine Schülerin orientierte sich am Inhalt des Stückes und transferierte ihn in die heutige Zeit.

Nathan, der Reiche

Monaco 2016: Nathan, ein reicher, jüdischer Immobilienmakler, lebte mit seiner Adoptivtochter Recha und einer Haushälterin in einer großen Villa. Seine Frau und seine sieben Söhne waren bei einem tragischen Autounfall vor Jahren ums Leben gekommen. Recha hatte sich ebenfalls im Unfallauto befunden, doch ein junger Feuerwehrmann namens Paul konnte sie gerade noch aus den Trümmern des brennenden Fahrzeugs retten. Das Mädchen erlitt eine Rauchgasvergiftung und Verbrennungen, kam aber mit dem Leben davon. Sie verliebte sich in ihren Lebensretter und auch er empfand etwas für sie.

Doch als Recha sich mit ihrem Vater bei ihm bedanken wollte, kam alles anders als gedacht. Denn als Paul, der Christ war, die Kippa auf Nathans Kopf sah und annahm, dass die Frau, für die er so schwärmte, auch eine Jüdin sei, wollte er plötzlich gar nichts mehr von ihr wissen. Er zeigte den beiden die kalte Schulter und wandte sich mit einem herablassenden „Das musste ich doch tun. Jeder anderen hätte ich auch geholfen.“ abblitzen. Gekränkt kamen Recha Zweifel. Hatte er sich nicht verliebt? Hatte sie irgendetwas falsch gemacht? Die Haushälterin  versuchte sie aufzumuntern, doch mit Schokolade allein lässt sich ein gebrochenes Herz eben nicht wieder zusammenfügen.

Zeitgleich wurde Nathan zum Bürgermeister Mohamed gebracht. Mohamed, ein Moslem, befand sich in großen finanziellen Schwierigkeiten. Da er sich eine Jacht gekauft und nicht genug Geld zum Bezahlen gehabt hatte, musste er einen hohen Kredit aufnehmen, den er nun nicht zurückzahlen konnte. Nathan ging davon aus, dass der Bürgermeister ihn um Geld bitten würde, doch Mohamed fragte ihn, welcher Beruf der beste sei. Nathan brauchte einige Minuten, um eine passende Antwort auf diese ungewöhnliche Frage zu finden. Schließlich begann er zu erzählen:

„Vor hunderten Jahren lebte ein Mann, der einen magischen Ring besaß. Dieser verlieh ihm die Kraft, sodass ihm immer nur Gutes wiederfuhr. Kurz vor seinem Tod schenkte er den Ring jenem Sohn, der seiner Meinung nach die besten Chancen auf eine erfolgreiche Karriere  hatte. So ging es von Generation zu Generation weiter, bis  schließlich ein Vater drei Söhne bekam, die alle gleich erfolgreich in ihren Berufen waren. Deshalb ließ er heimlich zwei weitere Ringe anfertigen, die dem Originalring zum Verwechseln ähnlich sahen. An seinem Sterbebett erhielt dann jeder seiner Söhne einen Ring und keiner wusste, welcher der magische wäre.“

Mohamed, der Nathan gespannt gelauscht hatte, erklärte enttäuscht, dass er keine Antwort auf seine Frage erhalten hätte.

Doch Nathan meinte, dass er ihm sehr wohl geantwortet habe. Jedermann kann in seinem Job erfolgreich sein. Keiner braucht dazu einen Ring, sondern Fleiß. Mohamed wusste nun, wie er seine Jacht abbezahlen konnte und sagte, dass er Nathan einen Gefallen schulden würde. Er lud ihn auf eine Spritztour mit der neuen Jacht ein. Der bescheidene Jude lehnte dankend ab und ging heim.

Vor seiner Villa traf er auf den Lebensretter seiner Tochter, der mit ihm sprechen wollte. Der Feuerwehrmann Paul berichtete von den starken Gefühlen zu Recha und dass ihre unterschiedlichen Religionen ihrer Liebe im Weg stehen würden. Doch er könne seine Gefühle nicht länger unterdrücken. Nathan, der hocherfreut über diese Nachricht war, bat ihn, sofort mit Recha zu sprechen, da auch sie unter großem Liebeskummer litt. Das Mädchen öffnete die Tür und als er es küssen wollte, stieß es ihn weg. Verblüfft blickte er die zornige Recha an und fragte, was los sei.

 „Was los ist? Dass du dich das noch zu fragen traust? Wochenlang bin ich dir hinterhergelaufen und habe dir hunderte Sprachnachrichten auf deinem Handy hinterlassen, auf die du nicht reagiert hast. Und das alles nur, weil du mich für eine Jüdin hältst. Falsch gedacht! Ich bin adoptiert worden. Meine leiblichen Eltern waren beide Christen und getauft bin ich auch. Ich will einen Mann, der mich bedingungslos liebt. Vielleicht findest du ein anderes Mädchen, das deinen Ansprüchen genügt“, fauchte Recha und schlug dem verdatterten Feuerwehrmann die Tür vor der Nase zu.

Text C

Ein Schüler wollte in englischer Sprache reflektieren. (Was wohl G. E. Lessing dazu gesagt hätte?)

Thoughts to „Nathan der Weise“

I personally think the play was bad. I could have imagined the scenes better in my head while reading the book itself, but the play was nowhere near to what I had expected. When the drama started an old man came from behind the curtains, he looked somewhat tired, but then he started talking. For about 15 minutes, he gave us information about the content of the book and the different characters. In my opinion this was unnecessary, because firstly no one needed to know when the characters were born or when the book was written, secondly the man was mumbling words at us. It sounded as if he was forcing himself to be loud and clear, which he did not achieve. When Nathan finally showed up, it looked like it was going to be well- prepared play. But in the end it was rather disappointing. One of the things I didn’t like was Recha’s behaviour. She acted as if she was Nathan’s lover, rather than his daughter. The background was a disaster by the way.

And let’s talk about the crusader, shall we? First at all he wore black underwear under his crusader’s costume, at least they could have bought a chain armour in a supermarket for him. And something strange about his acting was that, he had a brown handbag for some odd reason. The drama wasn’t that good, because one character was missing. Daja’s role wasn’t put in, so I guess that made the scenes shorter. It would have been better if they were only saying the things they had to learn, not putting in much effort to sound more realistic. Long story short – the actors and actresses were well- prepared.

Schülermeinungen:

[…] Ich finde, dass Nathan mit seiner Aussage über die drei Religionen, Christentum, Judentum und Islam, ziemlich Recht hat, weil es keine Religion gibt, die besser oder schlechter als die andere ist. […] Der Jude Nathan und der Moslem Saladin schließen Freundschaft. Dass der Tempelherr, Recha und Saladin miteinander verwandt sind, ist ein schönes Ende. […]

[…] Nathan sagt, dass die drei Ringe, (Synonym für die drei Religionen) nicht mehr zu unterscheiden waren. Ich mag die Szene sehr. Noch immer wird nämlich behauptet, dass die eine Religion besser als die andere sei. Noch immer wird die Religion missbraucht, um Kriege zu führen. […]

[…] Ich finde es bewundernswert, dass die Schauspieler diese schwierig formulierten Sätze auswendig sprechen konnten. […] Die aus reichem Hause stammende Recha hatte aber nur ein einfaches Kleid an und trug keine Schuhe, keine Kette und auch keinen Schmuck. Ihre Erscheinung war für mich nicht stimmig. […] Die Rolle des Nathan wurde jedoch gut verkörpert. […] Die Botschaft des Werkes war auch in der gekürzten Form der Aufführung deutlich: Die drei Weltreligionen sind gleich. […]

Lehrermeinungen:

Die SchülerInnen der NMS Inzing zeigten sich während der Bearbeitung dieser Literatur als

  • skeptisch: „Was soll denn der alte Schinken?“
  • neugierig: „Wie kann man diese schwierige Sprache überhaupt verstehen und dann auch noch vortragen?“
  • ausdauernd: „Darf ich heute wieder den Sultan lesen?“
  • interessiert: „Meine Lieblingsszene ist die Ringparabel.“
  • kritisch: „Die Aufführung hat zwar den Inhalt gut wiedergegeben, doch ich hatte andere Vorstellungen, andere Bilder im Kopf.“

Die Deutschlehrerinnen: Stefanie Heiß-Hilke, Angelika Stroppa-Weiser

 

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